26. April 1986 - erinnern Sie sich noch?

Umwelt


Blick auf Tschernobyl und die Geisterstadt Pripjat

Tschernobyl - diesen Ort kannte wohl kaum ein Deutscher vor 20 Jahren. Erst Ende April 1986 änderte sich dies, als in den Medien westlich des eisernen Vorhangs nach und nach herauskam, was die sowjetische Regierung zunächst auch ihrer eigenen Bevölkerung verschwiegen hatte:

Im Reaktorblock IV des Kernkraftwerkes Tschernobyl (ehem. Teil der Sowjetunion, heute Ukraine) geschieht in der Nacht des 26. April 1986 die größte nukleare Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Ein Sicherheitstest führt -unter Missachtung von Vorschriften, Umgehung automatischer Sicherheitssysteme und aufgrund eines Konstruktionsfehlers im Siedewasserreaktor- um 1:23 Uhr Ortszeit zur Explosion des Reaktors. Der die Umgebung von der Radioaktivität abschirmende, mehr als tausend Tonnen schwere Reaktordeckel wird weggesprengt, die hochradioaktiven Spaltprodukte werden durch die Explosion und den Brand des Graphit-Moderators in die Atmosphäre getragen. Erste Löschversuche mit Kühlwasser scheitern; mit Hubschraubern werden anschließend tausende Tonnen von Blei, Bor, Dolomit, Sand und Lehm in den offenen Reaktor gekippt, die teilweise das atomare Feuer noch verstärken, anstatt es zu ersticken. Erst nach zehn Tagen sind der Brand unter Kontrolle, die radioaktiven Emissionen weitgehend gestoppt.

Die Stadt Pripjat, nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, wird am nächsten Tag evakuiert. Die Bewohner der Stadt hatten verhältnismäßig viel Glück im Unglück - ihnen stand eine ausreichende Anzahl von Jodtabletten zur Verfügung, die sie davor bewahrte, daß sich die durch den GAU freigesetzten radioaktiven Jod-Isotope in die Schilddrüsen ablagerten. Bewohner weiter entfernter Städte, so etwa die Einwohner der 100 km entfernten weißrussischen Stadt Gomel, bekamen durch die westwärts ziehende radioaktive Wolke etwa 70% des gesamten radioaktiven Niederschlags Weißrußlands ab. Unmittelbare Folgen waren zunächst Fehlfunktionen der Schilddrüse, welche Ermattung, Müdigkeit und Gewichtszunahme - das sogenannte „Tschernobyl-AIDS“ verursachten. Spätfolgen der Strahlenbelastung sind der vermehrte Auftritt von Erbgutschäden, eine erhöhte Gefahr an Schilddrüsenkrebs, Lungenkrebs und anderen Krebsarten wie Leukämie zu erkranken, sowie eine erhöhte Totgeburten- und Fehlbildungsrate bei Säuglingen.

Am Abend des 28. April 1986 um 21 Uhr -erst zwei Tage nach der Katastrophe- gibt die sowjetische Agentur Tass nach Meldungen schwedischer, norwegischer und finnischer Meßstationen über eine ungewöhnlich hohe Zunahme der Radioaktivität bekannt, daß es in Tschernobyl zu einem Unfall gekommen und Menschen zu Schaden gekommen seien. Tags darauf wird über die deutschen Medien ebenfalls darüber berichtet.

Zwischen dem 30. April und dem 1. Mai 1986 zieht die radioaktive Wolke über Deutschland. Süddeutschland ist infolge starker gewittriger Regenfälle stärker betroffen als der nördliche Teil der Republik. Als Folge werden Kinderspielplätze abgeriegelt und der Sand ausgetauscht, Viehweiden gesperrt, Äcker umgepflügt. Vom Verzehr von Wildfleisch, Waldbeeren und Pilzen wird infolge der hohen Strahlenbelastung abgeraten - einige Gegenden Bayerns, z.B. Teile des Bayerischen Waldes, sind auch heute noch hoch -etwa zehnmal höher als in Norddeutschland- radioaktiv belastet.

Während die Bundesregierung ihre Bevölkerung so gut als möglich zu informieren versucht und Strahlenschutzmaßnahmen einleitet, erhalten die Bürger der DDR keine oder nur wenige Informationen - Teil der von Moskau aus gesteuerten Informationspolitik, die der Bevölkerung vermeintliche Sicherheit vorgaukeln soll. Nur über das verbotene Westfernsehen und unter der Hand wurde die Strahlengefahr nach und nach bekannt.

Heute, zwanzig Jahre nach der Katastrophe, hat sich die Radioaktivität in Deutschland und Bayern weitestgehend reduziert. Etwa 40 Prozent der damals über Bayern insbesondere durch Regen niedergegangenen Radioaktivität nahm durch kurze Halbwertszeiten innerhalb von zwei Jahren rasch ab. Weiter niedergegangene Radionuklide, insbesondere Cs 137 und Sr 90, belasten jedoch die Böden aufgrund ihrer Halbwertszeit von ca. 30 bzw. 28 Jahren weiterhin. Über die Nahrungskette werden diese Stoffe allerdings, wenn auch nicht mehr in solch hoher Konzentration wie nach dem GAU, weiterhin vom Menschen konsumiert.

Während der zivilen Nutzung der Atomkraft Mitte der 50er Jahre große Chancen eingeräumt wurden und es in Deutschland von 1955 bis 1962 sogar einen „Atomminister“ in der Person des späteren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) gab, läutete spätestens das Unglück von Tschernobyl eine Wende in der öffentlichen Meinung zur Atomkraft ein. Am 30. April 1989 - drei Jahre nach Tschernobyl - wurde das höchst umstrittene Bauprojekt der WAA (Wiederaufbereitungsanlage) in Wackersdorf (Oberpfalz) eingestellt. Am 14. Juni 2000 schloß die damalige rot-grüne Bundesregierung mit den Betreibergesellschaften der deutschen Atomkraftwerke den „Atomkonsens“ - ein Vertragswerk, wonach deutsche Atomkraftwerke nach einer Regellaufzeit von 32 Jahren stillgelegt werden sollen.

Es bleibt zu hoffen, daß die große Koalition an diesem Vertragswerk festhält, auch wenn die Zustimmung der Bevölkerung hierzu laut einer Spiegel-Umfrage vom Januar diesen Jahres nur mehr bei 40 % liegt. Nicht nur das Bedrohungspotential durch aktive Nutzung der Kernenergie, sondern auch die Frage nach dem Wohin mit abgebrannten Brennelementen sollten in die Überlegungen jedes Einzelnen für ein Ja oder Nein zur Kernenergie einfließen. Hochradioaktive Abfälle belasten nicht nur unsere und die nächste Generation - sie strahlen Jahrtausende.

Zitat:

"Lieber Herr Bundeskanzler, ich höre in diesen Tagen Parteifreunde sagen, ohne Atomstrom kämen wir nicht mehr aus. Besitzen wir die Atomkraft, oder sind wir von ihr besessen? ... Das auch bei uns verbleibende Restrisiko haben Sie ‘Theoretisch’ genannt und ‘für alle vertretbar’. Die Argumentation ist unredlich und nach allem, was wir wissen, wissenschaftlich unhaltbar. Tschernobyl hat auch mich gelehrt, dass das, was gestern noch für unmöglich gehalten wurde, sehr wohl möglich ist."

aus einem offenen Brief des Journalisten und nach der Katastrophe von Tschernobyl aus der CDU ausgetretenen Mitglieds Franz Alt an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl

Christian Tauer, im April 2006

 
 

Aktuelles

Nach dem Scheitern der Sondierungen zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen geht SPD-Chef Martin Schulz davon aus, dass jetzt die Wählerinnen und Wähler das Wort haben. Für eine Große Koalition, bekräftigte Schulz, stehe die SPD nach wie vor nicht zur Verfügung. Die FDP hat sich davon gemacht und Angela Merkel steht jetzt ohne Verhandlungspartner für

Im Interview mit der Funke Mediengruppe erläutert Carten Schneider die Position der SPD und die mangelnde Ernsthaftigkeit der Freidemokraten. Das Interview auf spdfraktion.de